LÖWENZAHN – europäischer Ginseng?

Über den Löwenzahn könnte ich ganze Bücher schreiben, immer wieder gibt es neue Erkenntnisse über diese wundervolle Heilpflanze, die so vital ist, dass sie selbst aus der kleinsten Pflasterritze herausragt.

Seine gelbe Blütenpracht bildet ganze Teppiche. Im Mai freuen sich die Kinder Frühlingswiese über die Pusteblumen in der Frühlingswiese – aber im Garten mag man ihn nicht. Auch ich nicht, ehrlich gesagt – bis vor einem Jahr, als ich herausfand, dass er sich einfach nicht ausstechen lässt, er ist einfach zu stark! Eine große Heilpflanze. Ich lasse ihn jetzt in Ruhe. Und siehe da, in diesem Jahr hat er meine Beete auch weitgehend in Ruhe gelassen und sich am Rand angesiedelt.

Ein arabischer Name

Im Mittelalter gab es wohl keine Löwenzahnwiesen, zumindest gibt es keine Texte über den Löwenzahn, auch nicht von Hildegard von Bingen. Nur der arabische Arzt Avicenna schrieb schon über ihn. In Mitteleuropa taucht er erst nach der Renaissance wieder auf, und zwar in alten Kräuterbüchern. Leonhart Fuchs, ein Mediziner und einer der Väter der Botanik erwähnte ihn um 1550 herum als eine Art Wegwarte, er hieß bei ihm „Pfaffenröhrlein“.

Sein wissenschaftlicher, also sein lateinischer Name ‚Taraxacum‘ stammt aus dem arabischen Raum stammt. Im Canon medicinae von Abū Alī al-Husain ibn Abd Allāh ibn Sīnā (persisch ابن سينا, arabisch أبو علي الحسين بن عبد الله ابن سينا) verkürzt Ibn Sina genannt, hier als Avicenna bekannt, wird er erwähnt. Taraxacum wurde möglicherweise aus den arabischen Wörtern tarak und sahha gebildet, was so viel wie „pissen lassen“ bedeutet.
Interessant, denn schließlich heißt er bei uns auch Bettsäächer, Bieselin oder Pissenlit.

Der europäische Ginseng?

Und da sind wir schon bei seiner (pflanzen-)medizinischen Wirkung: Er wirkt diuretisch und harntreibend. Dazu durch seine Bitterstoffe noch förderlich auf Galle und Leber. Im Frühjahr erntet man seine Blätter und Blüten, im Herbst sind die Wurzeln dran. Sie enthalten Inulin einen Zuckeraustauschstoff.

Der Begründer der Makrobiotik, Georges Ohsawa, aus Japan, der Anfang des letzten Jahrhunderts Urlaub auf den Schwarzwalwiesen machte, fand ihn so hervorragend, dass er ihn sogar als Europäischen Ginseng bezeichnete.

Botanisches

Der Löwenzahn (Taraxacum) gehört zur Familie der Korbblütler (Asteraceae) und ist eine der bekanntesten Pflanzen in Mitteleuropa. Besonders bekannt ist der Gewöhnliche Löwenzahn, der auch als „Pusteblume“, „Butterblume“ oder „Kuhblume“ bezeichnet wird. Seine Gattung darf nicht mit der ähnlich aussehenden Gattung Leontodon verwechselt werden.

Der Löwenzahn trägt viele Namen, die oft auf seine Eigenschaften hinweisen. Aufgrund seiner harntreibenden Wirkung wird er in manchen Gegenden als „Pissblume“, „Seichkraut“ oder „Bettsäächer“ bezeichnet. Im Kaiserstuhl nennt man ihn „Bieselin“. Diese diuretischen Eigenschaften sind in der traditionellen chinesischen Medizin seit über 2.000 Jahren bekannt. Vor allem die Blätter des Löwenzahns werden aufgrund ihrer Inhaltsstoffe geschätzt.

Unbeliebt bei Gärtnern

Trotz seiner Beliebtheit als Heilpflanze ist der Löwenzahn vielen Gärtnern ein Dorn im Auge, da er sich fast überall ausbreitet und schwer auszurotten ist. Diese Unverwüstlichkeit zeugt jedoch von seiner Vitalität und Kraft, die ihn zu einer wertvollen Heilpflanze machen. Der lateinische Namenszusatz „officinale“ weist darauf hin, dass der Löwenzahn bereits in Klostergärten genutzt wurde. Blätter, Blüten und Wurzeln finden in der Kräutermedizin sowie in der Küche vielfältige Anwendung.

Taraxacin, Latex und Bitterstoffe

Der Gewöhnliche Löwenzahn ist leicht mit anderen Pflanzen seiner Gattung zu verwechseln, oft können nur die Samenform oder spezifische Merkmale eine Unterscheidung ermöglichen. Alle Pflanzenteile enthalten weißen Milchsaft mit dem Bitterstoff Taraxacin und Latex. In Russland wurde im Zweiten Weltkrieg sogar Autoreifen aus einer verwandten Löwenzahnart hergestellt. Die Bitterstoffe des Löwenzahns fördern die Gallensekretion und steigern die Magensaftproduktion.

Löwenzahn wächst in Fettwiesen, auf Weiden, in Äckern, Gärten und sogar zwischen Pflastersteinen. Als Rosettenpflanze regeneriert er sich ständig aus seiner bis zu zwei Meter langen Pfahlwurzel. Diese Anpassungsfähigkeit macht ihn besonders widerstandsfähig an Orten, wo andere Pflanzen durch äußere Einflüsse zerstört werden.

Der Löwenzahn ist gesund

Der Löwenzahn ist in der Volksmedizin seit langem als Naturheilpflanze bekannt. Sein Gehalt an Vitamin C ist zehnmal höher als der von Kopfsalat, und er enthält den Bitterstoff Taraxacin, den für Diabetiker geeigneten Zuckerersatzstoff Inulin, Cholin, Vitamin B2, Harze, Triterpene und verschiedene Carotinoide. Besonders bemerkenswert ist sein hoher Kaliumgehalt. Seine harntreibende Wirkung wird auch zur „Blutreinigung“ eingesetzt, insbesondere als Teil einer Frühjahrskur, um den Körper zu entschlacken und das Verdauungssystem zu unterstützen. Studien legen nahe, dass Löwenzahn auch bei Rheumatismus und Gicht hilfreich sein kann.

Bitterstoffe gut für die Leber

Die reichlich im Löwenzahn enthaltenen Bitterstoffe fördern die Tätigkeit der Leberzellen und schützen diese. Die Leber, als zentrales Organ für Energie und Stoffwechsel, spielt eine entscheidende Rolle für das Wohlbefinden des gesamten Körpers. Müdigkeit, die in der modernen Medizin als „Schmerz der Leber“ bezeichnet wird, kann durch den Verzehr von Löwenzahn gelindert werden. Er hilft auch, die Folgen eines ungesunden Lebensstils zu mindern und unterstützt eine bewusste Ernährung.

Löwenzahn in der Küche

Im Frühjahr, von März bis Juni, ist die beste Zeit, um Löwenzahnblüten und -blätter zu ernten. Die Blätter, besonders die jüngeren, eignen sich hervorragend für Frühjahrssalate, da sie appetitanregend wirken. Ältere Blätter können gekocht als Gemüse verwendet werden, und aus Löwenzahn, Wegerich und Brennnesseln wurde früher eine vitaminreiche Suppe zubereitet. Löwenzahnblüten, die bei Sonnenschein geerntet werden, können zu goldgelbem Gelee, Sirup oder „Löwenzahnblütenhonig“ verarbeitet werden. Sie eignen sich auch zur Herstellung von Tee oder dem in angelsächsischen Ländern beliebten „Dandelion wine“. Die Blütenknospen können wie Kapern eingelegt werden, und aus den Wurzeln lässt sich ein Kaffeeersatz zubereiten, der besonders in der Nachkriegszeit beliebt war.

Fahrradreifen aus Löwenzahn?

Dass Wissenschaftler an der Herstellung von Fahrradreifen aus Löwenzahn arbeiten finde ich so interessant, dass ich die Info hier noch aufbewahren möchte, er stammt aus dem Newsletter 2022-23 der großen Heilpflanzenexpertin Ursel Bühring.

Mit Hilfe von Kautschuk aus Löwenzahn wollen Forscher auf nachhaltige Weise Reifen etwa für Autos und Fahrräder herstellen. Radfahrer können die ersten Reifen heute bereits kaufen. Das Projekt der Forscher von der Universität Münster war 2023 für den Deutschen Zukunftspreis nominiert, lese ich im Newsletter von Ursel Bühring. (Damals war der Preis noch nicht verliehen, er ging an die beiden Erfinder des mRNA Impfstoffs von Biontech.)

Das Projekt der Forscher von der Universität Münster ist für den Deutschen Zukunftspreis nominiert. Die mit 250 000 Euro dotierte Auszeichnung wird am Mittwoch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verliehen. Die Wissenschaftler treten dabei gegen eine starke Konkurrenz an: Unter den Nominierten sind auch die Erfinder des mRNA-Impfstoffs gegen das Coronavirus vom Mainzer Unternehmen Biontech.

Die Molekularbiologen Dirk Prüfer und Christian Schulze Gronover arbeiten seit zehn Jahren am Löwenzahn-Kautschuk. Die Idee an sich ist nicht neu. Bereits vor rund 90 Jahren wurde der russische Löwenzahn als Kautschukquelle und damit als Alternative zum Kautschukbaum (Hevea Brasiliensis) entdeckt. Die Wissenschaftler aus Münster erforschen derzeit vor allem die Frage, wie alle Prozessschritte für eine konkurrenzfähige Produktion hochgefahren werden können, zum Beispiel beim Anbau des Löwenzahns. „Wie kann ein Landwirt das säen und wie am Ende am besten ernten? Das haben wir erforscht“, erklärt Gronover. Beim Löwenzahn stellt sich etwa die Frage, „wie bekommen wir den Kautschuk raus?“, sagt Prüfer, auch Leiter des Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie in Münster. Mit Anritzen wie bei den Kautschukbäumen geht das nicht, die Wurzeln müssen dazu mechanisch ausgegraben werden.

Viele Landwirte müssen sich an den Gedanken des Löwenzahn-Anbaus erst gewöhnen. „Sie sollenetwas anbauen, was sie ja eigentlich als Unkraut wegspritzen würden“, sagt Prüfer. Der russischeLöwenzahn hat kleinere, aber dafür mehr Blüten. Die wachsen sehr flach. Das Zuchtziel ist, dass sie höher wachsen, damit sie besser aus der Erde gezogen werden können. Die Wildform der Pflanzehat einen Kautschukanteil von 1 bis 2 Prozent, bei der Zucht sind es 15 bis 20 Prozent.

Im Reifen muss der Löwenzahn-Kautschuk die richtigen Eigenschaften haben. „In der Produktiongeht es um das Dreieck aus Abrieb, Bremswirkung und Widerstand“, sagt Schulze Gronover.Verändere man das eine, habe es Folgen für das andere. „Ziel war es immer, den Abrieb zuvermindern. Das ist uns in den vergangenen Jahren gelungen. Der ist um 30 bis 40 Prozent bessergeworden.“ Ein Erfolg für die Umwelt. Denn über den Abrieb von Reifen gelangen jährlichtonnenweise Kunststoffe in die Umwelt und verbleiben dort, wie es beim Umweltbundesamt heißt.Zudem erzeuge der Reifenabrieb Feinstaub.
Für die Produktion von Fahrradreifen reicht der jetzt angebaute Kautschuk aus Löwenzahn bereitsaus. Für große Reifen mit einer höheren Stückzahl genügt der Ertrag noch nicht. „Die Herstellerhaben Sorge, dass die Produktion nach schlechten Erntejahren einbricht. Von daher wollen sie erstihre Lager füllen“, sagt Prüfer. 2020 sei ein zu trockenes Jahr mit schlechter Ernte gewesen.

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