PASTA & VERDURA – eine etwas andere Kochbuchrezension

Es gibt Bücher, die man schon liebt, bevor man sie aufschlägt. Pasta & Verdura von Cettina Vicenzino gehört dazu — zumindest für mich. Mein Sohn hatte mir das Buch kurz vor unserem Abflug nach Sizilien geschenkt. Ich habe es auf dem Hinflug schon durchgeblättert und es hat sooo Lust auf die Märkte in Sizilien gemacht. Wir landeten in Palermo – das war natürlich ein Volltreffer, was Märkte angeht. Eine wundervolle Stadt. Die füllt ein eigenes Kapitel. Ich hatte keine Ahnung, wie schön Palermo ist. Sizilien überhaupt. Wir fuhren weiter die Küste entlang in Richtung Ätna. Unsere erste (meine zweite) Sizilienreise war eine Erkundungstour. Wurde zu einer. Denn jeder Platz, an dem wir waren, bot eine Überraschung, eine eigene Geschichte – und Lust auf länger bleiben. Auf Wiederkommen. Ich war mal wieder nicht vorbereitet auf die Reise. Keine Zeit gehabt vorher. Einfach mal losgeflogen. Und dann das. Cettina war gerade auf Sizilien und wir verabredeten uns spontan – über Instagram – zum Essen.

Cettina Vicenzino widmet mir ihr Buch. Foto (c) Ute Mangold

Castiglione di Sicilia – ein Mittagessen mit der Autorin

Es war kurz vor Ostern und es war noch ganz schön kalt. Der Sturm Attika tobte. In Süditalien traten Flüsse über die Ufer und hier flossen Sturzbäche den Hang hinunter. Ja, „Sizilien bei schönem Wetter, kann ja jeder“. Es ist eben keine liebliche Sonne-Strand-Insel. Es ist eine Insel voller Geschichte. Wechselvoller Geschichte. Von den Griechen über die Araber bis hin zu den Staufern und den Normannen, alle waren hier. Und sie hatten Gründe.

Durch den Regen fuhren wir zum Ätna, in die dortige Weingegend. Eine ziemlich angesagte Weingegend. ‚Cool Climate‘ Weine vom Nordhang des Ätna! Weinlagen in 750 Metern Höhe. Jeder Lavastrom ein eigenes Terroir. Lavasteinmauern ‚muri a secco‘. Kleine hutzelige Alberello Weinstöcke mit vielen Jahren auf dem Buckel, dazwischen Opuntien.

Cettina hat uns zum Mittagessen in Castiglione di Sicilia eingeladen. Einem kleinen Bergstädtchen am Fuß des Ätna. Als wir es von unten sahen, machten wir uns wirklich Sorgen. Wie sollen wir da hochkommen? Geht das mit dem Auto? Aber es stellte sich als typisch italienisches Bergdorf heraus. Malerisch. Kopfsteinpflasterstraßen, und die erstaunlich breit. Parkplätze kein Problem. Ausblick inklusive. Landschaft, Weinberge, Weite vor uns.

Der Ätna zeigte sich kurz zwischen den Wolken – nicht nur ein Berg. Er ist ein Kontinent. La Muntagna. Eine Frau, eine wilde ungebändigte Frau – so wie Donnafugata, aber davon erzähle ich noch. Und von Cettina. Jetzt.

Wir hatten Glück, an dem Tag lockerte es endlich auf, ein milder Frühlingstag. Wir freuten uns alle sehr auf das Treffen.  Jaaa, mit der Autorin selbst in einem ihrer Lieblingsrestaurants, dem ‚Ristorante President‘,eine Institution im Zentrum von Castiglione. Das Restaurant existiert seit 2003, familiäre Atmosphäre, typisch sizilianische Hausmannskost, „pasta fatta in casa“. DerInhaber Salvo Scuderi begrüßte uns herzlich. Cettina und ihr Mann Joachim sind dort öfter mal.

Die Überraschung: Cettina brachte mir eins ihrer Kochbücher mit. Eins, das ich tatsächlich noch nicht hatte – denn ich habe sie alle! Fast. Ja, und ich hatte auch eine Überraschung, ich schenkte ihr einen ganz besonderen Wein, einen Wein, der eine weibliche Sprache hat und was mit Kunst zu tun hat. Wir saßen. Wir aßen. Wir redeten. Es war, als ob man sich schon lange kennen würde. Wir bestellten Pasta in verschiedenen Varianten, klar, mit Verdure. Cettina bestellte Antipasti.

Pasta & Verdura ist ihr achtes Buch, erschienen im März 2026 bei Dorling Kindersley. Im Buch über 80 wundervolle Pasta- und Gemüserezepte, nach Jahreszeiten geordnet, dazu eine Pastaschule. Kein Standardkochbuch, wieder ein kunstvolles Exemplar italienischer Küche. Ich liebe Cettinas Bilder, die Rezepte und ihre Geschichten dazu.

Die Bilder eine Kunst für sich

Es sind die Bilder. Die Collagen, das Licht. Die schönen Untergründe mit Keramikfliesen, Holz, leinenen Tischdecken, mal Steine, mal Servietten. Collagen, ein Traum. Nein, ich übertreibe nicht ;-). Cettina fotografiert ihre Bücher selbst – und das ist keine Selbstverständlichkeit. Nach ihrer Schneiderlehre in Düsseldorf, hat sie Modedesign in Hamburg studiert und ihr Studium hatte sich nach und nach in Konzeptkunst verwandelt: Fotografieren, Filmen, Schreiben so erzählt es Cettina in einem Interview. Und da sie schon immer gerne gekocht hat – mit Mama Maria – entwickelte es sich zur Essens-Performance, Eat-Art. Das sieht man einfach. Ihre Foodfotografie hat eine einfache Stille und Kompositionsklarheit, die sich von den üblichen Hochglanztellern unterscheidet. Kein Styling-Überschuss, kein klein-klein, ihre Teller wirken echt und man würde sie am liebsten sofort essen. Jedes Bild ist ein Bild, nicht ein Produktfoto.

Ich fragte Cettina wo die Bilder entstanden sind, ob sie ein Studio hat? Sie erzählte, dass Pasta & Verdura in mehreren Ferienwohnungen entstanden ist. Cettina und ihr Partner mussten ihre Wohnung im fränkischen Haßfurt wegen Eigenbedarfs verlassen – überraschend, mitten in der Buchproduktion. Seitdem pendeln sie zwischen Franken und Sizilien, wo sie sich etwas Neues aufbauen. In einem Nachbarort von Castiglione. Das erklärt auch diese schöne Bodenständigkeit der Bilder: keine aufgeräumte Studioküche, sondern echte Räume mit echtem Licht. Sizilianische Wohnungen, kleine Häuser, in denen tatsächlich jemand lebt und kocht.

Eine kreative italienische Küche – die lebt

Und die Rezepte? Cettina kocht nicht nach Tradition oder im Sinne einer cucina povera oder tradizionale. Sie schreibt am Anfang des Kapitels „Zu den Rezepten in diesem Buch: Zwischen Gestern, Heute und Morgen“: „Die italienische Küche steht für mich für die Liebe zu Produkten der eigenen Region, den Respekt für Traditionen, aber auch für die Offenheit für Innovationen.“ Und weiter: was heute als traditionell gilt, war gestern Innovation.

Was in ihrem Buch experimentell aussieht – Maltagliati mit Weißkohl, Kokos und Schwarzem Sesam, schwarze Reis-Rigatoni mit weißer Blumenkohl-Creme oder Orzo mit Miso und Stracciatella (die ich nachgekocht habe) – entstammt traditionellen und regionalen Zutaten, Gemüse das vor Ort wächst, neu kombiniert.

Pasta, Gemüse und Jahreszeiten

Und natürlich geht es in diesem Buch vor allem auch um Pasta. Um ihre Vielfalt und ihre Geschichte. Eine eigene Pastaschule mit dem Titel „Pastateige und Pastawissen“, schließt sich an ihr Vorwort an.

Das Buch ist nach Jahreszeiten aufgeteilt. Jede Saison bringt ihr eigenes Gemüse mit, und die Pasta folgt. Damit ist das Buch nicht einfach eine Sammlung von Rezepten, sondern fast ein kulinarischer Kalender. Es erinnert daran, dass Pasta in Italien nicht beliebig gedacht wird, sondern aus dem entsteht, was gerade da ist: auf dem Markt, im Garten, auf dem Feld, in der Landschaft. Eine Pasta mit Artischocken erzählt vom Frühling. Eine Pasta mit Auberginen und Tomaten vom Hochsommer. Eine Pasta mit Kürbis oder Pilzen vom Herbst. Und eine Pasta mit Radicchio oder Zitrusfrüchten vom Winter.

Nachgekocht: Kräuter-Orzo-Risotto nach Cettina Vicenzino aus Pasta & Verdure (c) Ute Mangold
Nachgekocht: Kräuter-Orzo-Risotto nach Cettina Vicenzino aus Pasta & Verdure (c) Ute Mangold

Nachgekocht: Kräuter-Orzo-Risotto mit Stracciatella

Das Rezept, das ich ausprobiert habe, ist ein Orzo-Gericht mit Kräutern, Miso und Stracciatella – also eines dieser Rezepte, bei denen man im ersten Moment denkt: Das klingt ungewöhnlich. Und es war köstlich! Bei den Kräutern variierte ich ein bisschen und nahm frische Korianderblätter, Basilikum und Blattpetersilie und wie Cettina empfohlen hat, Burrata, wenn man keine Stracciatella bekommt. Als roten Pfeffer hatte ich Kampot-Pfeffer da.

Donnafugata 'Sul Vulcano' Etna Bianco mit zwei Gläsern, vor Ort in Randazzo am Ätna, Sizilien (c) Ute Mangold
Donnafugata ‚Sul Vulcano‘ Etna Bianco mit zwei Gläsern, vor Ort in Randazzo am Ätna, Sizilien (c) Ute Mangold

Und der Wein dazu?

Dazu passt ein Wein, der für mich mit dieser Reise nach Sizilien und an den Ätna verbunden ist: Sul Vulcano von Donnafugata. Wie sich später dann herausstellte, wird dieser Wein aus der autochthonen Rebsorte Carricante genau dort, wo wir an diesem Tag unterwegs waren, angebaut – in der Landschaft um Castiglione di Sicilia, zwischen Lava, Trockenmauern, kühlem Wind, Regenwolken und diesem besonderen Licht.

Kurz vor dem Abflug zeigte sich der Ätna nochmal kurz. Foto (c) Ute Mangold

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