ÄPFEL & BIRNEN – oder was der Bodensee mit der Seidenstrasse zu tun hat

Eine Kulturgeschichte unseres Tafelobstes – vom wilden Vorfahr zur domestizierten Frucht

Nach einem Besuch am Bodensee auf der Reichenau, wollte ich aus dem mitgebrachten Obst einen Birnenkuchen nach Art italienischer Bäuerinnen backen und passend dazu noch etwas über altbewährte Apfel- und Birnensorten schreiben. Der Birnenkuchen ist fertig, der ging schnell: das Rezept findet ihr hier „Dolce di Pere della Fattoressa„. Doch die Geschichte über Äpfel und Birnen dauerte viel länger….

Was als kurzer Ausflug in die Apfel- und Birnengeschichte begann, entwickelte sich bald zu einer Reise durch Jahrhunderte und Kontinente. Ich wollte nur herausfinden, wie die Fruchtbäume an den Bodensee kamen, aber wie so oft bei meinen Recherchen versank ich schließlich in alten Büchern, schaute mir historische Bildtafeln an und las Berichte von archäobotanischen Forschungen. Ich stieß auf Verse aus dem ‚Hortulus‘ eines Walahfrid Strabo und reiste gedanklich über die Seidenstraße in die Berge Kasachstans, streifte dabei Persien und kam wieder zurück zu einem römischen Brunnen in meiner Nähe, in dem bei Ausgrabungen im Schlamm erhaltene Apfelkerne gefunden wurden.

Wenn es mal ein bisschen länger dauert 😉

Zusammengefasst liegt die Herkunft des Apfels in Kasachstan ganz im Osten an der Grenze zu China im zentralasiatischen Tien-Shan-Gebirge. Hier gedeiht der asiatische Wildapfel (Malus sieversii). Die Birne hingegen hat ihren Ursprung im alten Persien und Armeninen, von wo sie im Laufe der Zeit nach Europa verbreitet wurde.

Die Verbreitung von Äpfeln und Birnen geschah über die legendäre Seidenstraße, eine Handelsroute, die von China über Kasachstan bis nach Persien führte. Hier fanden die Pflanzen ideale Bedingungen für ihre Entwicklung. Über Kreuzungen mit wilden Sorten entlang ihres Weges passten sie sich immer mehr den mitteleuropäischen Umweltbedingungen an und gelangten so auch an den Bodensee.

Doch schnell ging das nicht, dazwischen liegt noch ein weiter Weg. Der führt über römische Gärten, Klöster, Karl dem Großen und einen Abt auf der Reichenau namens Walahfrid Strabo bis zu uns. Ich fange mal in Kasachstan an.

Der wilde Apfel vom Tarbagatai

Einen interessanten Bericht über die wilden Apfelwälder im Gebirge der kasachischen Grenze zu China las ich im Werde Magazin, der Titel „Kasachstan wo der Urapfel wächst“. Er handelt von einer spannenden Expedition im Auftrag Katharina der Großen als der 28-jährige Johann August Carl Sievers 1790 in ihrem Auftrag von Sankt Petersburg in Richtung Sibirien aufbricht. Der junge Botaniker entdeckt nicht nur medizinischen Rhabarber, sondern auch die Urform unseres heutigen Kulturapfels.

Am 3. Juli 1793 erklomm die Expeditionskarawane den Tarbagatai, einen knapp 2000 Meter hohen Gebirgszug an der Grenze des heutigen Kasachstans zu China. Am Horizont das mächtige Tien-Shan-Gebirge. Dahin will die Expedition: „Sodann“, notiert Sievers, „ließen wir uns den Berg hinunter, welches aber, besonders bey der Hitze, eine abscheuliche Arbeit war. Etwa anderthalb Werst mußten wir zu Fuß die Pferde zur Seite führend, steil wie eine Wand im Granit und Schiefergerülle hinab steigen!“

Nach dem beschwerlichen Abstieg schreibt Sievers begeistert: „Als ich an den Fuß des Berges kam, erfreute mich Göttin Flora mit einem Wald der schönsten Zwergäpfelbäume, die hier am [Fluss] Uldshar zu beyden Seiten wild wuchsen; ich vergaß Müdigkeit, Hitze, Steingerülle und alles, fuhr wie ein Wahnsinniger unter die annoch unreifen Aepfel und ließ mirs gut schmecken.“ Er schrieb weiter [die Äpfel] „waren gutes weinsäuerliches Tischobst, die hier in ihrem wilden Zustande schon die Größe eines Hühnereyes erlangen, und haben rothe und gelbe Backen“. Allerdings hielt er sie damals noch für Birnen.

Zurück nach Kasachstan: Alma-ata, so hieß die frühere Hauptstadt Kasachstans, das war russisch-kauderwelsch und bedeutet „Apfel Vater“. Heute heißt die Stadt Almaty und das ist das eigentliche Wort für „Apfel“ – auf kasachisch. Seit 2007 steht der Asiatische Wildäpfel auf der Roten Liste gefährdeter Arten, Status: „Gefährdet, hohes Risiko des Aussterbens in der Natur in unmittelbarer Zukunft“. Denn schon zu Sowjetzeiten mussten die wilden Obstwälder hektarweise gerodet werden, um Platz zu machen für Kulturobstplantagen.

Von Kasachstan an den Bodensee – Zwischenstopp Seidenstraße

Doch wie fanden Apfel und Birne ihren Weg vom Westen Asiens nach Alamannien, genauer Suebien, an den Bodensee? Bei uns gab es ursprünglich nur die wilden Holzäpfel (Malus sylvestris), aber die schmeckten so, wie sie heißen.

Auf dem Weg von Kasachstan gen Westen kreuzten sich die Wege des wilden Vorfahrens mit dem Europäischen Wildapfel Malus sylvestris. Die entlang der Seidenstraße sprießenden Apfelbäume wurden, da sie Fremdbefruchter sind, auch vom Pollen der einheimisch wachsenden Wildäpfel befruchtet. Zahlreiche Gen-Übertragungen vom Europäischen Wildapfel in den Genpool des Asiatischen Wildapfels (Introgressionen) sorgten letztlich dafür, dass aus der kasachischen Art die Äpfel wurden, die wir heute kennen.“ Quelle: iva-Magazin und Pflanzenforschung. de

„Das Verbreitungsgebiet des Asiatischen Wildapfels sind der Tien Shan und seine Ausläufer in Zentralasien. Das Gebirge erstreckt sich über Kirgistan, Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan, die Mongolei und Xinjiang im Westen von China. Kerngebiet aber, mit heute noch rund 11.000 Hektar wilden Apfelwäldern, ist Kasachstan. Hier findet der Asiatische Wildapfel, aus dem alle heutigen Kultursorten des Apfels hervorgegangen sind, ideale Lebensbedingungen. [….]“

Diese Erkenntnisse basieren auf genetischen und botanischen Forschungen sowie auf Naturschutzprojekten zur Erhaltung dieser Apfelbestände, die heute teils durch Urbanisierung und Klimaveränderungen bedroht sind.

Die legendäre Handelsroute, die von China über die Taklamakan Wüste – mit einem Schlenker über Yining und dem heutigen südlichen Kasachstan – an den wilden Gebirgen Afghanistans (Baktrien) vorbei , nach Usbekistan (Sogdien) direkt nach Persien führte. Und von dort aus ging es über den Fruchtbaren Halbmond, die Levante nach Byzanz und zu den Römern.

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Für die Birne wird vermutet, dass ihre Ursprünge in den alten persischen Gebieten liegen. Historische Aufzeichnungen und botanische Studien deuten darauf hin, dass die Birne von persischen Bauern und durch Handelsrouten in westliche Regionen gelangte. So könnten persische Sämlinge in die Kultivierung und Verbreitung der heutigen Birnensorten eingeflossen sein. Mehr dazu später.

„Wilde Äpfel am Bodensee auf der Reichnau. Foto (c) Ute Mangold

wilde Äpfel – ein bisschen Botanik

Die botanische Bezeichnung für den Wildapfel aus Kasachstan ist Malus sieversii, oder auch Asiatischer Wildapfel genannt (Wikipedia). Der Holzapfel (Malus sylvestris), auch als Europäischer Wildapfel oder Krabapfel (engl. crab (apple)=Holzapfel) bezeichnet, ist botanisch gesehen eine Laubbaum-Art aus der Gattung der Äpfel (Malus) in der Familie der Rosengewächse (Rosaceae).

Und „Pyrus malus“ ist eine alte Bezeichung für den wilden Kulturapfel, den es heute noch bei uns gibt. Daraus wurde „Malus domestica“ mit allen seinen Zuchtformen. Ob der wilde Apfel oder die domestizierten Zuchtformen, alle zusammen gehören zur gleichen Familie der Rosaceae. Dazu gehören neben den Rosen (Rosa) auch viele bekannte Obstarten wie ApfelBirneBrombeerenErdbeeren und Himbeere sowie das Steinobst mit KirschenZwetschgePflaumeAprikose (auch Marille oder Malete), PfirsichMandel und anderen. Eine riesige Familie mit wunderschönen duftenden Blüten! Die dazu noch ganz ähnlich aussehen.

Der Urapfel war eine saure, harte Frucht, vom wilden Holzapfel bis zu den heutigen Tafeläpfeln war ein langer Weg. Durch Züchtung, Selektierung und Veredelung entstanden ständig neue Sorten oder alte Sorten wurden weiterentwickelt. Es wird geschätzt, dass es heute über 25 000 Apfelsorten in der Welt gibt. Über 70 % der weltweiten Obsternte sind Äpfel, doch nicht jeder Apfel wächst in jedem Klima. Wichtige Unterscheidungs- und Qualitätsmerkmale sind heute nicht nur der Geschmack, sondern auch Reife, Lagerfähigkeit, Farbe und Größe.

Der Apfel gilt als weiblich, die Birne als männlich. So wurde traditionell bei der Geburt eines Mädchens ein Birnbaum und für einen Knaben ein Apfelbaum gepflanzt.

Die Birne stammt aus Persien

Die Birne hat ihren Ursprung in Persien und Armenien. In Persien und angrenzenden Regionen wurden Fossilien und archäobotanische Funde von Wildbirnenarten (Pyrus spp.) entdeckt, die als Vorläufer der heutigen Kulturbirne (Pyrus communis) gelten. Aus dem Spätneolithikum (späte Jungsteinzeit) konnten Spuren der Pflanze in Deutschland und angrenzenden Ländern nachgewiesen werden. Genetische Analysen zeigen, dass der Ursprung der Kulturbirne in der Region zwischen dem Kaspischen Meer und dem Kaukasus liegt, was mit dem Gebiet des antiken Persiens übereinstimmt.

Der Weg der Birne lässt sich mit Hilfe antiker Gelehrter verfolgen. Sie wurde in der Antike kultiviert, wenn auch nicht so umfangreich wie der Apfel. Der griechische Naturforscher Theophrast dokumentierte um das 4. Jahrhundert v. Chr. bereits drei verschiedene Birnensorten. Cato der Ältere, ein römischer Schriftsteller und Agrarfachmann, beschrieb im 2. Jahrhundert v. Chr. fünf bis sechs Birnensorten, während Plinius der Ältere im 1. Jahrhundert n. Chr. bereits rund 30 bis 40 Sorten kannte. Diese Aufzeichnungen zeigen die frühe Sortenvielfalt und das Interesse an der Kultivierung der Birne. Die Römer übernahmen sie später in ihre Obstkultur. Nach dem Niedergang des Römischen Reiches ging der Anbau zunächst zurück, wurde jedoch ab 600 n. Chr. durch Klöster und den Adel erneut gefördert.

Die Birne ist eine alte Kulturpflanze

Die Kultur-Birne ist eine sehr alte Kulturpflanze, die durch Kreuzungen mehrerer Wildarten in Europa und Westasien entstand. Die wichtigsten Vorfahren sind vermutlich Pyrus syriaca aus Südwestasien, Pyrus pyraster aus Mitteleuropa und Pyrus nivalis aus dem südlichen Mittelmeerraum. Ihre Kultivierung begann ursprünglich in Vorderasien und verbreitete sich früh nach Mitteleuropa. Funde am Bodensee belegen ihren Anbau bereits in der Jungsteinzeit.

Ab dem Mittelalter erlebte die Birne in Europa einen großen Aufschwung, besonders in Frankreich. Bis zum 17. Jahrhundert waren dort bereits rund 300 Birnensorten bekannt. Die Erstveröffentlichung des Namens Pyrus communis erfolgte 1753 durch Carl von Linné in Species Plantarum. Und im 19. Jahrhundert erreichte die Vielfalt etwa 1.000 Sorten, und heute wird die Anzahl weltweit auf etwa 5.000 geschätzt​.

Karl der Große und ein Abt von der Reichenau

Die Römer brachten den Apfel in viele Regionen Europas, und ihre Obstbau-Techniken legten die Grundlagen für den späteren, mittelalterlichen Obstbau. Mit dem Ende des Römischen Reichs verblasste das Wissen um den Obstbau jedoch teilweise, bis Karl der Große im 9. Jahrhundert als Förderer der Landwirtschaft und des Gartenbaus hervortrat.

Karl der Große kannte den Obstbau der Römer und auch das Veredeln (Pfropfen) von Apfelbäumen und von Wein. Auch war im der Gemüsebau und einige Heilkräuter der Römer bekannt. Denn er schrieb eine Anleitung wie auf seinen Landgütern in seinem riesigen Reich – das von Spanien bis nach Ungarn reichte – Kulturfrüchte, Heilkräuter und Gemüsepflanzen angebaut werden müssen, damit der Wanderkaiser immer feinstes Essen auf seinen Burgen und Pfalzen vorfand. Besser gesagt, er ließ es schreiben. 78 Pflanzen wurden in seiner ‚Capitulare de villis‚ verewigt und bis heute sorgsam hinter klösterlichen Mauern aufbewahrt. Darunter 16 Baumarten, wie die Walnuss, Mandeln, Birnen natürlich – und separat noch 4 Apfelsorten (!). Karl der Große führte damit die ausgefeilten Techniken des Kulturpflanzenanbaus der Römer weiter. Seine Landgüterverordnung war eine regelrechte Agrarreform und beschrieb die Dreifelderwirtschaft, Regelungen zur Viehzucht und koordinierte den Anbau sämtlicher pflanzlicher Güter.

Walahfrid Strabo’s Hortulus – Der Abt von der Reichenau

Einige Jahrzehnte nach Karl dem Großen widmete sich ein anderer großer Denker dem Pflanzenbau: Walahfrid Strabo, ein Benediktinermönch und Dichter, der später Abt des Klosters Reichenau wurde. Er war Lehrer eines der Enkel von Karl dem Großen, der ‚Karl der Kahle‘ hieß. Jener regierte den westlichen Teil des Frankenreichs, dem heutigen Frankreich. Tragischerweise ertrank Walahfrid diese als er wieder zu Besuch an den Hof seines Schülers wollte.

Doch vorher verfasste er ein bis heute einzigartiges Werk: Sein berühmtes Gartenbuch, den Hortulus. Um 840[9] schrieb er den Liber de cultura hortorum („Buch über die Kultivierung der Gärten“), auch bekannt als Hortulus, eines der bedeutendsten botanischen und gartenkundlichen Werke des Mittelalters. In Versform sind in diesem Werk 24 Heilpflanzen aufgeführt. (Quelle: wikipedia)

Einzigartig ist sein Werk deshalb denn er beschreibt darin, poetisch und in Versform, den Anbau und die Nutzung von Heil- und Kulturpflanzen. Walahfrids Werk verband praktisches Wissen mit philosophischen Betrachtungen über die Bedeutung der Natur. Äpfel und Birnen werden in seinem Werk zwar nicht direkt erwähnt, jedoch beeinflusste sein Wissen den Gartenbau und die Pflanzenkunde im Mittelalter. Er gilt den Reichenauern als Begründer des Gemüseanbaus.

„Mit der Gründung des Benediktinerklosters begann auf der Insel Reichenau der Apfelanbau. Von 750 bis 1250 erfuhr der Obstbau eine Förderung durch die Karolinger, im Zuge derer das Kloster Reichenau auch das Erbe des Apfelanbaus zu neuer Blüte entwickelte. Manche Äpfel tragen sogar heute noch Namen aus dieser Zeit, zum Beispiel der Kloster- oder der Paterapfel. Das Klima, die Böden und auch die Tradition mit Erfahrung verbunden lassen inzwischen Erntemengen von etwa 250.000 t Äpfeln pro Jahr zu – anders gesagt: Das entspricht ca. 1.600.000.000 einzelnen Äpfeln! Birnen bringen es noch immer auf stolze 5.000 t!“ Quelle: Obst von Bodensee.

Die Früchte der Geschichte

Das Bodenseegebiet gilt neben dem „Alten Land“ bei Hamburg als das zweitgrößte Apfelanbaugebiet Deutschlands. Und wie man sieht erstrecken sich die Wege der Früchte weit über Europa hinaus: Schon in der Antike gelangten Obstsorten wie die Birne von Vorderasien nach Griechenland, und die Römer brachten diese Kulturpflanzen in ihre westlichen Provinzen. Die Äpfel und Birnen am Bodensee sind so auch durch die Handelsverbindungen entlang der Seidenstraße beeinflusst, durch die neue Sorten und botanisches Wissen über Jahrhunderte hinweg nach Westen gelangten.

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