MÄDESÜSS – la Reine des Prés, die Wiesenkönigin

FIlipendula ulmaria L. MAXIM (Syn. Spiraea ulmaria L.)
Familie: Rosengewächse (Rosaceae)

Es ist Sommeranfang, Johannistag, der 24. Juni und gerade blüht wieder so herrlich duftend das Mädesüß (Filipendula ulmaria). Ich bin am Schwarzwaldrand oberhalb des Kinzigtals und laufe den Wolfsweg vorbei am Wolfshof Gengenbach. Dort gibt es bestes Rindfleisch vom Highland Cattle, zottelige Rinder mit riesigen Hörnern stehen auf den Weiden. Die Urrinder sehen, glaube ich, gefährlicher aus, als sie sind. Wiesen und Weiden, Laubwald und Nadelbäume. Echte Weißtannen gibt es hier noch und an den Bachufern und feuchten Gräben steht das Mädesüß in der Hochstaudenflur. Eine Idylle, die jedes Schwarzwaldklischee erfüllt.

Das Mädesüß, die Wiesenkönigin

Wenn der Sommer beginnt, dann fängt sie wieder an zu blühen, die zauberhafte Staude: das Mädesüß, auch Spierstaude oder Wiesengeißbart genannt. Sie mag es an den Füßen feucht und blüht deshalb gerne in Senken oder Gräben. Im Sommer überziehen die weißen duftenden Blütenschleier des Mädesüß Feuchtwiesen und Auen. In Frankreich wird sie „La Reine des Prés“ genannt – die Wiesenkönigin! Ja, sie ist eine prachtvolle Staude, die bis zu zwei Meter hoch werden kann. Ihre zarten weißen Blüten sehen fast aus wie eine silberne Sternenkrone. Von der Form her erinnern sie an Holunderblüten. Sie duften herb-süß, eine Mischung aus Holunderblüten und Mimosen mit einem leichten Bittermandelton wie Marzipan. Und ähnlich wie der Holunder kann sie auch in der Wildkräuterküche als Sirup oder zum Süßen von Desserts eingesetzt werden.

Ihr wissenschaftlicher Name Filipendula wurde in der Botanik zunächst nur für diese Art verwendet und erst später auf die ganze Gattung ausgedehnt. Dieser Name findet sich anscheinend erstmals in einer Rezeptsammlung des 12. Jahrhunderts aus Salerno von Nicolaus Praepositus, so steht es in wikipedia – Mädesüß.

Von den Druiden zum alten England

Es heißt, dass das Mädesüß schon von den keltischen Druiden als heilige Pflanze verehrt und für Heiltränke verwendet wurde. Im historischen England wurde Mädesüß traditionell als Duftstoff in Häusern verwendet, um die Luft zu erfrischen. Das Kraut und die Blüten wurden in Kammern und Hallen verstreut, um einen angenehmen Geruch zu erzeugen. Es gibt Berichte, dass Königin Elisabeth I. eine Vorliebe für den Duft von Mädesüß hatte. Sie soll es in ihren Räumen verwendet haben, um diese zu parfümieren. Historische Quellen wie das Buch „The Flowering Plants of Great Britain“ von Anne Pratt und andere botanische Werke bestätigen, dass Mädesüß im 16. Jahrhundert eine beliebte Aromapflanze war.

Das Mädesüß und der Vorläufer des Aspirins

Eine große Heilpflanze ist sie, denn aus ihr wurde 1834 von einem Schweizer Apotheker namens Pagenstecher erstmals die Salicylsäure isoliert, damals Spiersäure genannt, der Vorläufer des Aspirins. Der Name A-spir-in geht noch auf sie zurück. Später wurde die Salicylsäure aus Weidenrinde (Salix spec.) isoliert und später synthetisch gewonnen. (Mehr dazu hier: Die Geschichte der Salicylsäure).

Pflückt man ein Mädesüß und riecht an seinem Stängel, so erinnert der Geruch an Kinderpflaster, Zahnpasta oder Desinfektionsmittel. Es riecht „medizinisch“. „Die Blätter verströmen beim Zerreiben einen Duft, der an Rheumapflaster erinnert. Dafür verantwortlich ist das Methylsalicylat. Der Geschmack ist adstringierend und etwas bitter.“ So beschreiben es Claudia Stern und Helga Ell-Beiser in ihrem Werk Phytotherapie von 2022.

Ihr Name kommt nicht vom „süßen Mädel“, sondern entweder vom Met – die Metsüße, denn sie wurde zum Aromatisieren des Honigweins verwendet oder von der ‚Mahd‘, denn ihren Namen verdankt das Mädesüß vermutlich seinem süßlich-herben Duft, den es nach dem Absensen von Wiesen verströmt.

Das Mädesüß ein Rosengewächs

Botanisch gesehen, gehört das Mädesüß zu den Rosengewächsen, ist ausdauernd und wird bis zu 2 Meter hoch. Alle Pflanzenteile lassen sich nutzen. Die Blüten erntet man im Sommer, die Wurzeln im Herbst und Frühling, das Kraut die ganze Saison. Medizinisch relevant sind besonders die getrockneten Blüten, sie enthalten dazu noch viel ätherisches Öl. Aber auch das getrocknete Kraut und die frischen, ober- und unterirdischen Teile finden Verwendung. Ihre Fiederblättchen erinnern an die asymetrische Form der Ulmenblätter, deshalb der lateinische Namenszusatz „ulmaria“. 

Die Pflanze ist in ganz Nord- und Mitteleuropa beheimatet, außer im südlichen Mittelmeerraum. Importiert wurde Mädesüß nach Nordamerika. Da die Pflanze feuchte, nährstoffreiche, leicht saure Böden bevorzugt, ist sie an Flussläufen und Wassergräben sowie auf wenig gemähten Feucht- und Sumpfwiesen anzutreffen.

Heisse Sauerkirschsuppe mit Mädesüßblüten

Oskar Marti, der Chrüteroski aus der Schweiz hat mit dem Mädesüß eine köstliche Sauerkirschsuppe gewürzt (S.43). Sie sind einer meiner kostbarsten Schätze im Kochbuchregal – die poetischen Bücher mit den Titeln „Sommer in der Küche“ sowie „Herbst“, „Winter“ und „Frühling in der Küche“. Einzigartige, jahreszeitliche Rezepte mit Wildkräutern und Blüten. Dazu Gedichte und handgemalte Zeichnungen von Flavia Travaglini. Ein Klassiker, der im Original 1994 im Hallwag Verlag erschienen ist. Die Neuauflage kamm 2003 im AT Verlag heraus.

Inhaltsstoffe und Verwendung des Mädesüß

Arzneilich verwendete Pflanzenteile (Droge): Filipendulae ulmariae herba

Verwendet werden die zur Blütezeit gesammelten, getrockneten Stängelspitzen bestehend aus Blüten, Stängeln und Blättern. Das Mädesüßkraut wird in der Apotheker als Filipendulae ulmariae herba bezeichnet (Melzig 2023). Da nur die Stängelspitzen geerntet werden, dominiert der Anteil der Blüten. So wurde die Droge in den älteren Arzneibüchern als Flores Spiraeae bzw. Spiraeae flos (Mädesüßblüten) geführt. Besteht die Droge nur aus den Blüten, ist heute die korrekte Bezeichnung Filipendulae ulmariae flos – Mädesüßblüten. Die Droge des Handels stammt heute aus Kulturen in osteuropäischen Ländern. (Quelle: Arzneipflanzenlexikon)

Inhaltsstoffe der Droge

Mädesüßkraut/Mädesüßblüten enthalten einfache Phenolglykoside (Glykoside von Salicylsäuremethylester und Salicylaldehyd), außerdem Flavonoide und Gerbstoffe. Dazu ätherische Öle und Zitronensäure. (Quelle: Arzneipflanzenlexikon). Außerdem soll sie noch ein schwach giftiges Glykosid, das bei entsprechend hoher Dosierung Kopfschmerzen auslösen kann enthalten (Quelle: wikipedia). Beim Zerreiben setzen die Laubblätter einen Geruch nach Salicylaldehyd (wie Rheumasalbe) frei.

Anwendungsbereiche

Mädesüß enthält Salicylate, die antimikrobiell, fiebersenkend und harntreibend wirken. Innere Anwendung zur unterstützenden Behandlung bei Erkältungskrankheiten (Blüten und Kraut), bei fiebrigen Erkältungen zur Schwitzkur und, um die Harnmenge zu erhöhen (Blüten).

In der Erfahrungsheilkunde (Volksmedizin oder Traditionelle Medizin) werden die Blüten als harntreibendes Mittel (Diuretikum), bei Muskel- und Gelenkrheumatismus (auch Gicht) und bei Blasen- und Nierenerkrankungen sowie Kopfschmerzen verwendet. Das Kraut bei Magenbeschwerden mit übermäßiger Säurebildung, als Prophylaxe und zur Therapie bei Magengeschwüren, bei älteren Kindern auch als Mittel gegen Durchfall. In der Homöopathie: bei Rheumatismus und Schleimhautentzündungen.

Asthmatiker und Personen mit einer Überempfindlichkeit gegen Salicylate (z. B. Aspirin®) sollten kein Mädesüß einnehmen. Auch bei Säuglingen und Kleinkindern sowie während der Schwangerschaft und Stillzeit empfiehlt sich Mädesüß nicht.

Anerkannte medizinische Anwendung:

In den Monografien des Herbal Medicinal Product Committee HMPC, das sich auf europäischer Ebene für die Einordnung pflanzlicher Arzneimittel einsetzt, sind das Mädesüßkraut und Mädesüßblüten als traditionelle pflanzliche Arzneimittel eingestuft (siehe „Traditionelle Anwendung“).
Die European Scientific Cooperative on Phytotherapy ESCOP empfiehlt das Mädesüßkraut als unterstützende Therapie bei banalen Erkältungen; Verstärkung der renalen Wasserausscheidung (wissenschaftlich allerdings nicht nachgewiesen). Und die von 1983 bis 1994 im Auftrag des damaligen Bundes­gesundheitsamts (BGA) arbeitende Kommission E empfiehlt Mädesüßkraut und -blüten zur unterstützenden Behandlung von Erkäl­tungskrankheiten.

Wer mehr über die Dosierung und Anwendung des Mädesüß erfahren möchte, dem empfehle ich das Arzneipflanzenlexikon der Kooperation Phytopharmaka, eine Einrichtung der Gesellschaft für Phytotherapie. Die GPT setzt sich für die wissenschaftliche Erforschung und für die Anwendung pflanzlicher Arzneimittel ein.

Die Monographien enthalten Angaben zu den Pflanzen, benennen die arznei­lich ver­wendeten Pflanzen­teile (= „Droge“ im pharmazeutischen Sinne) und listen die Drogen-Inhaltsstoffe auf. Außerdem werden wichtige Informationen zur medizinischen Verwen­dung der Drogen gegeben: Anwendungs­gebiete, Dosierung, Neben- und Wechsel­wirkungen und Warnhinweise. Der derzeitige Umfang beträgt ca. 180 Pflanzen – die Monographien werden laufend aktualisiert (letzte Änderung: Juni 2024).“ So steht es auf der Seite des Arzneipflanzenlexikons,

Bilder: (c) Ute Mangold und alpmed, Zweisimmen CH

Quellen & Links

Literaturverzeichnis

ALPMED: Ratgeber „Frischpflanzenkraft und Gold“ – Wiesengeißbart.

Apotheken.de: https://www.apotheken.de/alternativmedizin/heilpflanzen/7985-madesuss (Zugriff: 15.09.2024).

Arzneipflanzenlexikon: https://arzneipflanzenlexikon.info/maedesuess.php (Zugriff:15.09.2024 ).

Bühring, Ursel: Lehrbuch der Heilpflanzenkunde. Stuttgart: Thieme, Haug Verlag, 2021.

Culpeper, Nicolas: The English Physician (1653). Ein altes Kräuterbuch, das die medizinischen und aromatischen Verwendungen von Pflanzen beschreibt, einschließlich Mädesüß.

Mayer, Johannes Gottfried; Uehlke, Bernhard; Saum, Kilian: Handbuch der Kloster-Heilkunde. München: Zabert Sandmann Verlag, 2002.

Marti, Oskar: Sommer in der Küche. Aarau/München: AT Verlag, 2003. www.at-verlag.ch.

Melzig, Matthias F.; Hiller, Karl: Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen. 3. Aufl., Berlin: Springer Verlag GmbH, 2023.

Pratt, Anne: The Flowering Plants of Great Britain (1855). Informationen über die historische Nutzung von Mädesüß.

Schönfelder, Ingrid; Schönfelder, Peter: Der KOSMOS Heilpflanzenführer. 5. Aufl., Stuttgart: Kosmos Verlag, 2023.

Teuscher, Eberhard; Lindequist, Ulrike; Melzig, Matthias F.: Biogene Arzneimittel. Lehrbuch der Pharmazeutischen Biologie. 8. Überarb. Aufl., Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2020.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Echtes_Mädesüß (Zugriff: 15.09.2024).

Drogenmonographien

HMPC (2011, 2020), ESCOP (2016), Kommission E (1989)

Die HMPC-Monographien repräsentieren den aktuellen regulatorischen Standard bei der Bewertung pflanzlicher Arzneimittel.

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