Wer den Filmklassiker „Der Name der Rose“ gesehen hat, erinnert sich an düstere Klostergänge, eine geheimnisvolle Bibliothek und an tödliche Bücher – aber wer wusste, dass dieser klassische und faszinierende Mittelalterkrimi mit Sean Connery im Kloster Eberbach gedreht wurde? Die Wahl dieses Ortes war kein Zufall: Eberbach, im Rheingau gelegen, bietet nicht nur eine eindrucksvolle Kulisse, sondern war auch ein Zentrum des klösterlichen Lebens der einsamkeitsliebenden Zisterzienser und ihrer gelebten Gelehrsamkeit.




Der Name der Rose und das gefährliche Wissen der Antike
Die Geschichte des Films – in der das Wissen der Antike als gefährlich gilt, Schriften griechischer und arabischer Herkunft versteckt und Seiten gar mit Gift präpariert werden – spiegelt dramatisch einen historischen Kern wider: Tatsächlich wurden in Klöstern (wie wohl auch in Eberbach) antike Werke aus dem Griechischen und Arabischen kopiert und bewahrt. Da die meisten Klöster zur Selbstversorgung und Versorgung der Kranken auch Medizin aus Heilpflanzen, Pilzen, Metall und Steinen bewahrten, hatten viele klösterliche Heilmittel hochpotente Inhaltsstoffe – auch toxische. Ob das „Buchgift“ im Film ein Extrakt aus Pflanzen wie Eisenhut, Tollkirsche, Arsen oder Herbstzeitlose war, lässt sich nur spekulieren (siehe unten). Doch diese und andere Pflanzen waren den Mönchen als Heil- und zugleich Giftpflanzen wohl bekannt – ‚die Dosis macht das Gift‘, wie Paracelsus später formulierte. Heilung und Tod lagen oft sehr nahe.
Das Kloster Eberbach, der Rheingau und seine bedeutende Rolle im Weinbau
Die Zisterzienser bauten die eindrucksvolle Anlage des Kloster Eberbach in ein wunderschönes Tal oberhalb des Rheingau. Die Lage des Klosters, oberhalb des Rheingaus und umgeben von bewaldeten Höhenzügen des Taunus, entsprach dem Einsamkeitsideal der frühen Zisterzienserbewegung. Die Mönche sollten sich abgeschieden von der Welt, abseits der wichtigen Handelswege, auf ein gottgefälliges Leben konzentrieren.
Eine Besonderheit des Klosters Eberbach ist seine lange Weinbautradition. Gegründet 1136 durch Zisterziensermönche, entwickelte sich Eberbach rasch zu einem bedeutenden Weinzentrum des Rheingaus. Bereits im 13. Jahrhundert exportierten die Mönche ihre Weine. Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Weinbau zu einem wichtigen Wirtschaftszweig des Klosters. Die Mönche legten zahlreiche Weinberge an, darunter den berühmten Steinberg, der heute noch als eine der herausragenden historischen Weinlagen des Rheingaus gilt. Nach der Säkularisation im Jahr 1803 ging das Weingut in staatlichen Besitz über und wird heute – obwohl mittlerweile kein richtiges Staatsweingut mehr – von den Hessischen Staatsweingütern Kloster Eberbach als GmbH bewirtschaftet. Mehr dazu bei Felix Bodman in seinem Blog Schnutentunker.
Die berühmte Lage „Steinberg“ war und ist eine Monopollage mit besonderem Terroir, das sich in den Weinen deutlich widerspiegelt. Heute bewirtschaften die Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach rund 238 Hektar Rebfläche – damit ist es das größte Weingut Deutschlands. Seit dem deutschen Weingesetz von 1971 ist der Steinberg neben den Lagen Schloss Johannisberg, Schloss Reichartshausen und Schloss Vollrads die einzige Einzellage im Rheingau, die als eigener Ortsteil gilt und somit ohne Angabe einer Ortsbezeichnung, also einfach als Steinberger etikettiert werden darf.
Die Weine aus Kloster Eberbach zeichnen sich durch ihre hohe Qualität und Vielfalt aus. Ein Beispiel ist der 2019er BAIKENKOPF Rauenthal Riesling GG VDP.GROSSE LAGE®, der mit 94 Punkten beim Berliner Lagen Cup Weiß 2021 ausgezeichnet wurde. Felix Bodmann vom Weinblog „Schnutentunker“ beschreibt ihn als „hervorragend“ mit einer „würzigen Schießpulvernase“ und einer „interessanten Aromatik am Gaumen“. Der Wein wirkt „leicht alkoholisch“, ist aber „knarztrocken“ und erinnert an „Cognac“, ohne brandig zu sein.
Ein eigenes Geschmackserlebnis boten die Weine von Kloster Eberbach auch mir, ich notierte: „Kräutrige Nase, säurebetont, leicht, kein Body oder so, nix Passionsfrucht, Extrakt oder whatever, keine typische Rheingau-Note, dafür umso mehr Nachhall – oder was ich früher als Terroir bezeichnet habe. Ein subtiler, ätherischer Wein mit Kräuternoten. Furztrocken, den würde jeder fast sofort ausspucken. Für Magenkranke (Sodbrennen) nicht geeignet. Mich erinnert er an Mosel. Macht mit seiner Säure hellwach.“ – so lautet meine persönliche Verkostungsnotiz, die die Charakteristik ähnlich wie Felix Bodmann auf den Punkt bringt: herb, straff, klar und mit viel mineralischer Energie.


Für detailliertere Informationen zur Geschichte und zum Weinbau des Klosters Eberbach empfiehlt sich der Bildband „Kloster Eberbach – Geschichte und Wein“ von Ralf Frenzel. Dieses Werk bietet einen umfassenden Überblick über die fast 900-jährige Geschichte des Klosters und seine Bedeutung für den Weinbau in der Region.
Die Zisterzienser & Bernard von Clairvaux
Die Gründung des Zisterzienserklosters in Eberbach geht auf Bernhard von Clairvaux zurück. Nach der Gründung des Klosters Himmerod 1135 in der Eifel war das Kloster Clairvaux des Zisterzienserordens um ein weiteres Tochterkloster in Deutschland bemüht. So kam es am 13. Februar 1136 zur Gründung des Klosters Eberbach durch Abt Ruthard und 12 Mönche, die aus Clairvaux entsandt worden waren. Das Kloster stand unter dem Patrozinium der Maria Immaculata und hatte das Nebenpatrozinium Johannes der Täufer. Diese beiden Klöster wurden durch die Primarabtei Clairvaux gegründet, fast alle anderen Zisterzienserklöster in Deutschland durch die burgundische Primarabtei Morimond.

Und was hat nun der Film ‚Name der Rose‘ mit Kloster Eberbach zu tun?
Kloster Eberbach ist für viele Besucher*innen heute noch untrennbar mit dem Film „Der Name der Rose“ verbunden – ein Ort, an dem sich reale Klostergeschichte und filmische Mittelalter-Fiktion auf faszinierende Weise überlagern. Wesentliche Teile des Films (1986) unter der Regie von Jean-Jacques Annaud mit Sean Connery in der Hauptrolle wurden im Innenbereich des Kloster Eberbach gedreht. Das Kloster bot mit seiner gut erhaltenen romanisch-gotischen Architektur eine authentische Kulisse für die Verfilmung des Mittelalterromans von Umberto Eco. Gedreht wurde auch in den Kreuzgängen, dem Kapitelsaal, dem Schlafsaal und im Weinkeller – letzterer diente im Film als das skrupulös bewachte Skriptorium bzw. die verbotene Bibliothek.
Die geheimnisvolle und strenge Atmosphäre von Eberbach entsprach genau dem Ton des Films, in dem es um verborgene Bücher, mittelalterliche Intrigen, Mordserien und den Konflikt zwischen Glaube und Wissen geht.
Im Film spielt das Wissen um Bücher und deren Inhalte eine zentrale Rolle – und wie gefährlich dieses Wissen sein kann (z. B. durch vergiftete Buchseiten). Das entspricht realhistorisch durchaus der Praxis in mittelalterlichen Klöstern, wo griechische und arabische medizinische Texte oft kopiert, weitergegeben oder eben auch zensiert wurden.

Klöster galten als Bewahrer des Wissens
Mit dem Zerfall des Römischen Reiches ging ein Großteil antiken Wissens verloren. Die Klöster, darunter Eberbach, wurden zu Inseln der Zivilisation. Hier wurden Schriften abgeschrieben, Wissen bewahrt und weitergegeben. In den Scriptoria entstanden medizinische und pharmakologische Werke. Das berühmteste ist das „Lorscher Arzneibuch“ (ca. 795 n.Chr.), das eine umfangreiche, im Kloster Lorsch verfasste medizinische Handschrift aus der Zeit Karls des Großen ist, entstanden wahrscheinlich um 785. Es ist das älteste erhaltene Buch zur Klostermedizin aus dem abendländischen Frühmittelalter bzw. das älteste erhaltene medizinische Buch Deutschlands. Geschrieben wurde das 482 Rezepturen enthaltene Arzneibuch unter benediktinischer Ägide in in lateinischer Sprache im Kloster Lorsch (heute Landkreis Bergstraße, Hessen). Es gehört mittlerweile zum Unesco Weltdokumentenerbe.
Der Roman von Umberto Eco (1980) und die gleichnamige Verfilmung (1986) sind tief durchdrungen von der Auseinandersetzung zwischen kirchlicher Macht und freiem Wissen, insbesondere dem Wissen griechischer und arabischer Herkunft.
Die verbotene Bibliothek als Symbol
Die Klosterbibliothek im Roman ist ein Labyrinth, in dem alte Schriften versteckt oder sogar vergiftet sind – besonders ein Kommentar des Aristoteles über das Lachen. Das Buch darf nicht gelesen werden, weil Lachen als subversive Kraft verstanden wird: Es könnte den Respekt vor der göttlichen Ordnung untergraben. Das Lachen tötet die Furcht, und ohne Furcht kann es keinen Glauben geben. (Jorge von Burgos) Die zitierte Passage stammt direkt aus dem Buch von Umberto Echo.
Der von Sean Connery verkörperte William de Baskerville findet schließlich heraus, dass der blinde Mönch Jorge de Burgos die Morde verübt hat, damit das Vorhandensein des verschollen geglaubten „Zweiten Buches der Poetik“ des Aristoteles in der Bibliothek geheim bleibe, weil dessen Inhalt nach Jorges Überzeugung die Kirche bedroht, da die Ausführungen des antiken Philosophen zur Komödie auch die Religion der Lächerlichkeit preisgäben. Jorge hatte daher die rechte obere Ecke der rechten Seiten des Buches mit einem Gift bestrichen, so dass jeder, der in dem Buch las und sich den Finger zum Umblättern der klebrigen Seiten mit der Zunge befeuchtete, vergiftet wurde. (Quelle: wikipedia s.u.).
Die Werke des Aristoteles (griechisch) oder von Avicenna (arabisch) stehen symbolisch für eine Welt des Denkens, des Fragens, des Zweifelns – und damit im Kontrast zum mittelalterlichen Glauben an Offenbarung und Gehorsam. Wissen bedeutete Macht – und die Kirche hatte im Mittelalter ein Monopol auf Bildung, Deutungshoheit und Heilsverkündung.
Das freie Denken, das durch griechisch-arabische Philosophie (z. B. durch die aristotelische Logik) angestoßen wurde, bedrohte die Autorität von Kirche und Klerus.
In der Handlung ist das Wissen gefährlich, weil es das Volk ermächtigen könnte – zur Freiheit des Denkens, auch des Lachens.
Eco verwebt reale historische Konflikte: z. B. den Streit zwischen Franziskanern (Armutsbewegung, Nähe zum Volk) und dem Papsttum, das an Reichtum und Macht festhält. Der Protagonist William von Baskerville steht für eine aufgeklärte, wissenschaftlich-rationale Sicht, sein Gegenspieler Jorge von Burgos für eine dogmatische, mystische Kontrolle des Wissens.
Das Gift als Metapher
Das Buch ist mit Gift präpariert – ein Verweis darauf, dass gefährliches Wissen töten kann, oder im Umkehrschluss: dass diejenigen töten, die Wissen unterdrücken wollen. Dass das Gift durch das Lecken der Finger beim Umblättern wirkt, ist eine literarisch geniale Wendung.
Eco, selbst Semiotiker und Literaturwissenschaftler, wollte gar nicht, dass das Gift pharmazeutisch identifizierbar ist. Es geht ihm um die Idee, dass Wissen tödlich sein kann, wenn es unterdrückt wird – und dass Macht oft mit Angst vor Wissen verbunden ist.
Trotzdem: Was könnte es gewesen sein?
Mit Hilfe von ChatGPT habe ich mal spekuliert was es gewesen sein könnte, sofern tatsächlich Buchseiten im Mittelalter vergiftet worden wären.
1. Arsenverbindungen
- In früheren Jahrhunderten häufig verwendet.
- Farblos, geschmacklos, oft in Tinten oder auf Papierrändern (in sehr geringen Dosen) gefunden.
- Könnte über das Lecken der Finger aufgenommen worden sein.
2. Tollkirsche (Atropa belladonna)
- Enthält Atropin und Scopolamin – beides starke Nervengifte.
- Bereits kleinste Mengen über Haut oder Schleimhaut können toxisch wirken.
3. Aconitin aus Eisenhut
- Ein extrem starkes Pflanzengift (Neurotoxin).
- Schon wenige Milligramm können zum Tod führen – auch über Hautkontakt.
4. Herbstzeitlose (Colchicin)
- Hemmt Zellteilung – hochgiftig.
- Wurde in der Klostermedizin durchaus verwendet.
5. Mischung aus Harzen, Schwermetallen und Pilzgiften
- Manche historische Tinten enthielten Schwermetalle (z. B. Quecksilber oder Bleiverbindungen).
- Pilzgifte (z. B. vom Mutterkorn) könnten auch infrage kommen, wenn kontaminierte Tinte benutzt wurde.
Quellen & Links
Wikipedia – Hessische Staatsweingüter Kloster Eberbach.
Wikipedia – Steinberg Kloster Eberbach. Wikipedia – Kloster Eberbach.
https://www.schnutentunker.de/die-wahrheit-ueber-kloster-eberbach/
https://de.wikipedia.org/wiki/Lorscher_Arzneibuch
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Name_der_Rose_(Film)
und auch sehr empfehlenswert, die Seite von Andrea David, die seit 18 Jahren begeistert zur Welt der Drehorten reist und dort Fotoreportagen macht: https://www.filmtourismus.de/kloster-eberbach/
Fotografie
Alle Bilder, außer wenn anders gekennzeichnet (c) Ute Mangold

Besonders empfehlen möchte ich auch die Seite von Michael Leukel https://michaelleukel.photography/de/, dessen geheimnisvolles Bild des Weinkellers ich in meinem Blogbeitrag verwendet habe.




Ein wunderbarer Ort! 😍
Ja, das ist er. Besonders auch an einem klaren Wintertag.
Und ein wunderbarer Text!
Dankeschön.